Challenge by Choice

Gegen alle Widerstände – und jede Vernunft

Mitte März, Maiselwände:

Ein letzter Formcheck kurz vor dem langersehnten Boulderurlaub mit der Familie. Die kleingriffigen Konglemeratboulder der Riegel bei Freidorf sind meine absolute Antikletterei, aber genau deswegen bin ich da. Wo ein Defizit, da ist auch ein Potential. Nach einem recht guten Trainingswinter und bei guten, also knochenkalten Verhältnissen geht heute sogar bischen was. Die Trainings- und Aufwärmboulder fühlen sich leichter an als sonst, Stimmung kommt auf. Zwei Boulder, die sich bislang gewehrt haben, überrasche ich und erledige sie lautlos mit einem frontal-brachialen Erstschlag. Bevor sie sich noch wundern, ist der dicke Gotschke auch schon oben. Da wird doch nicht etwa mal ein Training funktioniert haben?
Mittlerweile sind die konsumptiven Ressourcen (Terminus, dem Gott der Fremdwörter muss auch ab und zu gehuldigt werden!) ziemlich abgebrannt, aber wenn schon mal was geht, dann gehen wir doch noch schnell zum Angstprojekt… .
Flum 7C+, die Matz, schaurigschön, aber gerade deswegen übt sie einen gefährlichen Reiz aus… .
Ich schleiche mich an, Gewalt ist eine Lösung, aber dieser Boulder scheint vorgewarnt zu sein, ich bin schon angezählt, kämpfe, zweimal bin ich knapp vor dem Durchstieg.
Einmal noch, Peitsche!
Plötzlich liege ich auf der Matte, genau wissend, dass ich heute keinen Griff mehr halten kann und will, noch tut zwar nichts richtig weh, aber im Unterbewußtsein gährt bereits die Vorahnung, dass der letzte Versuch der eine zu viel war.

Ende März/ Anfang April:
In Albarracin läuft´s wie geschmiert. Drei tolle Wochen Familien- und Boulderurlaub ziehen wie im Flug vorüber. Zwei 8As, viele andere tolle Boulder und einfach eine tolle Zeit! Über die gute Stimmung und die Erfolge verdränge ich erfolgreich eine Tatsache: ich bin verletzt. Jeden Tag tapen, ab und zu Schmerzmittel, kühlen, massieren, irgendwie geht’s schon, ich war noch nie so motiviert und beißen konnte ich schon immer. Die Gewissheit, in nächster Zeit keinen Urlaub mehr zu haben gibt den letzten Push. Erst gegen Ende, während das Thermometer schneller steigt als die nötige Form für das letzte Traumprojekt, realisiere ich: ich mach` hier gerade echt was kaputt.
Man muss eben nur fanatisch genug sein, hat mal Toni Lamprecht zu mir gesagt. Das habe ich wohl ein bisschen zu ernst genommen.
Am Ende bin ich fast froh, dass es zu heiß wird und ich eine gute Ausrede habe, nun nur noch ein paar Tage Urlaub zu machen.

April-September:
Der Sommer läuft unter dem Motto: Top im Job und Familienleben geniessen, was mich ja an und für sich auch glücklich macht, ehrlich.
Nun ist es aber eben auch so, dass ich mich dazu bekenne, nach schwerem und genialem Klettern süchtig zu sein und das macht mich im Sommer ´14 total kirre.
Solange ich aufpasse und sachte vor mich hinklettere, ist alles o.k.. Auch bis 9, alpin sowieso und Ausdauer und Athletik trainieren geht auch ganz passabel.
Wenn ich aber einmal aufstellen „muss“ (Elend ist selbstgewählt, ich weiß…), ist Schluss und zwar komplett. Mir war gar nicht klar, wie aufstell-lastig schweres Klettern ist…!
Erst als ich mir endlich ärztlichen Beistand hole und mit einer Kombination aus Entzündungshemmern, Akupunktur, Dehn- und Gleitübungen und Pause (ja echt!) behandle, später Disziplin, Tapen und -Achtung- mit Gefühl mit dem Klettern beginne und wieder dosiert auftrainiere, geht’s bergauf. Ich seh´ noch das Gesicht des Sportorthopäden meines Vertrauens, als es sich das Ding am Ultraschall anschaut: „ mhm, mhm…Ringbandanriss, Beugesehne entzunden, Ödem hier und da,… dass Du überhaupt noch irgendwas festhalten kannst, 6 Wochen Pause, danach leichtes Klettern, in einem Jahr (das sind ZWÖLF Monate, Herr Gotschke) VIELLEICHT wieder volle Leistung…)
Das hört sich aber jetzt nicht so gut an, leck mich am Ringband!

Ende September (2014, Anm. d. Red. 😉 ):
Ich weiß ja auch nicht wieso, aber irgendwie hab ich das dann doch ganz gut weggesteckt.
Gut, die ganz kleinen Griffe fühlen sich wirklich noch bisschen schwammig an und hartes Bouldern klappt auch nicht so richtig mega, aber dafür geht’s mit Seil ganz gut und Athletik- und Ausdauertraining ist ja auch mal ganz spassig.
Natürlich ist auf ´s Allgäu Verlass und pünktlich zur Genesung schifft´s (´tschuldigung) in Strömen.
Also ab ans Kraftwerk, oberster Sektor, da wird schon was gehen.
Im Indian Summer war ich auch noch nie, hoppala, das ist ja ein Boulder, geil…!
Nach zwei Sessions ist eine Lösung gefunden, wo ich keine kleinen Griffe halten muss (der Doc
hat´s verboten!), ich spring einfach an der Crux vorbei… .
Beim Ausbouldern fällt mir auf, dass die Tour ja gar nicht oben aufhört, man wird nach rechts in einen NoHandRest eingesaugt.
Wenn man aber direkt weiterklettern würde, ohne Rastpunkt eine weitere Boulderstelle und nochmal zehn steile Meter weiter… . Hmmm… .
An einem Regentag bohre ich die Verlängerung ein und stoße auf eine absolute Hammerlinie. Ganz nebenbei ist das Einbohren techno/solo im Vorstieg mit einer Regenwand paar Meter hinter meinem Rücken ein ziemliches Abenteuer… .
Das Projekt „Challenge by Choice“ motiviert mich dermaßen, gerade nach dem Null-Runden-Sommer, dass ich wieder richtig trainiere. Die körperliche Fittness bekommt einen Feinschliff, drei Kilo weniger schaden sicher auch nicht… . Den Durchstieg der Orignal Indian Summer, immerhin auch schon ein „Zehner“ nehme ich zwar zur Kenntnis, sehe es seit der Verlängerung aber nur als einen Trainingszwischenerfolg, zu sehr ist der Fokus schon fünfzehn Meter höher eingestellt.
Nach drei Sessions im Original, dem Bohr- und Putztag und weiteren zwei Sessions für die Erweiterung fällt „Challenge by Choice 10“ und damit meine zweite Erstbegehung im glatten 10. Grad. Am Umlenker fällt der Frust eines sehr schlechten Klettersommers ab, am allerhöchsten Punkt der Kraftwerkswand geniesse ich den Moment.
Am nächsten Tag fahre ich nach Hall, danach arbeite ich drei Wochen am Stück, das ganz normale Leben… . Timing und ein guter Riecher ist alles (und im richtigen Moment kämpfen, bis das Laktat aus den Ohren kommt….)!

Natürlich werden jetzt manche denken: was ist den heutzutage noch groß dran an einer Erstbegehung im zehnten Grad, wir haben doch jetzt 9b+, 9a onsight und 8C+ bloc, und irgendwelche Kids ziehen mit 11 die schwersten Sachen.
Das stimmt natürlich, aber für mich persönlich war´s ein tolles Erlebnis und ein mühsamer Weg bis dahin. Und in der Klasse „Vollzeit arbeitende, talentfreie Papis Ü30“ ist das schon mal gar nicht so schlecht.
Am Ende geht’s eh nur darum, seinen Weg zu gehen, Ideen und Ziele zu haben und intensiv zu leben.

Gandalf, der Graue gibt dem Hobbit mit auf den Weg nach Mordor:

„…es kommt nur darauf an, was du mit der Zeit anfängst, die Dir gegeben ist!“

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