BLOC-BLOG

Choucas

Füssen Files 2013 – Klettertagebuch C. Gotschke

Was anfänglich nach einem intensiven Arbeitsjahr mit wenig Gelegenheit für große Projekte oder Reisen aussah, entwickelte sich überraschend gut und – für meine Verhältnisse – zu einem super Kletterjahr. Ein voller Terminkalender mit rund 150 Bergführertagen, dem zeitintensiven Betrieb der Kletterhalle und natürlich dem wunderschönen Leben als Familienvater brachte mich zu der Notwendigkeit, sozusagen zu der Vorgabe 2013, so effizient wie möglich zu trainieren und zu klettern. Was lag da näher als sich Projekte rund um Füssen zu suchen, dadurch Zeitverlust durch Autofahrten gleich null und die Möglichkeit zu nutzen, auch mal alleine in den Routen bouldern und trainieren zu können. Ein weiterer sehr positiver Einfluss war der Um- und Ausbau der Trainingsmöglichkeiten im Kletterzentrum Allgäu, der Kraftraum setzt neue Maßstäbe für effizientes und spezifisches Krafttraining! Ein Blick in den Führer ließ mich auf spannende Tage hoffen und Gespräche und Recherchen motivierten zusätzlich, es gab die Chance auf erste Wiederholungen, erste Rotpunkte, Erstbegehungen und weiteren kreativen Spielraum.

Ende April. „Total verbohrt!“, Mitterseewand,  (9+/10-)

Bei einem Spaziergang mit dem Balu (und einem Kletterführer) fällt mein Blick auf ein vor Jahrzehnten aufgegebenes Projekt, das etwas abseits des Kletterrummels und zugegeben nicht gerade einladend vor sich hinschlummert. Und aus einem ersten Test, neugierigem Putzen und Vegetation-Entfernen werden drei intensive Bouldersessions zuerst mit Bouldermatten so hoch ich mich traue (also bis zum dritten Haken), danach mit dem GriGri. Es entsteht eine extrem bouldrige 8a mit recht hohem Fehlerpotential, vor allem aber motiviert die Begehung für mehr Abenteuer vor der Haustür. Der Durchstieg und damit die erste Rotpunktbegehung glückt nach einem Tessin-Kurztrip mit schnellen Begehungen von Bouldern im Bereich 7B/+, die mich in dem Bewertungsvorschlag bestätigen.

Christoph

Mitte Mai. „Ist das Kunst oder kann das weg?“, Mitterseewand, (9/+)

Am gleichen Fels gab es ein weiteres offenes Projekt. Nach einer intensiven Bouldersession und einer Verlängerung der Linie ging es diesmal recht zügig, im ersten ernsthaften Go fällt sie und fühlt sich überraschend leicht an.

Mitte Juni. „Runde Sache“, Tennisplatzwand (10-)

Ein rekordverdächtig nasser Mai geht in einen etwas besseren Juni über. Die Frust-Trainings im Kraftraum, das abendliche Training auf Hütten (mit mitgenommen Trainings-Tools) und ein Kurztrip ins Ötztal zeigen Wirkung: die zweite Wiederholung seit 1999 gelingt beim ersten ernsthaften Versuch in der zweiten Session in der Tour. Ernst Gamperl, der Erstbegeher dieser super Linie erzählt mir von den „goldenen Zeiten“ und der damaligen Aufbruchstimmung. Ich lasse mich direkt anstecken und empfinde großen Respekt vor den Jungs, die damals aktiv waren. Ernst empfiehlt mir eine Tour an der Schatzkiste, die noch keine Wiederholung hat, aber die muss erstmal warten. Mir kommen vorerst zwei entzündete Ellenbogen und eine Bergführer-Hochsaison dazwischen. Am einzigen Tag, an dem es gehen könnte, werden meine Expressen geklaut und ich muss ohne einen Zug zu klettern wieder nach Hause. Aber das ist eine andere Geschichte …

Mitte September. „Methadon“, „Arbeitslos + “, „Runde Sache +“ (alle 10-)

Die Saison neigt sich dem Ende. Meine Motivation wieder schwer zu klettern, steht in absolutem Unverhältnis zum Wetter. Es schüttet und ich flüchte in den Kraftraum und in den scheinbar einzig trockenen Platz der Region, den CarpeDiem-Sektor am Kraftwerk. Um endlich wieder Felsgriffe durchzureißen, klettere ich mal wieder die direkte „Nichts für alte Herren“ (9+/10-), dabei fällt mir die  Möglichkeit einer spannenden Verbindung auf. Einstieg über den Schreibtischlocal, Transfer in die Crux der direkten „Nichts für alte Herren“ und über diese hinaus. Die saisonbedingten Butterfinger und die anhaltenden Schwierigkeiten zwingen mir tatsächlich drei Sessions auf, dann klappt es aber und aus einer Trainings-Kombi wird eine richtig gute 10-, „Methadon“!

Methadon

Scheinbar war die Beschäftigung mit meiner Ersatzdroge wirklich gutes Training. Nach einer endlosen Putz- und Dechiffrier-Session und einem gemeinsamen Basteltag mit Thoma,s gelingt die erste Wiederholung einer knallharten Oldschool 10-, der Route „Arbeitslos“ an der Schatzkiste. Weil es gerade so schön ist, klettere ich sie noch über den Ausstieg der benachbarten „Phantast“ zu Ende. So bleibt ein bisschen mehr Zeit zum Geniessen und Fürchten.

Auf der Suche nach dem nächsten Level, erstbegehe ich zwei Tage später noch eine Verlängerung der „Runden Sache“. Sie wird aber nur schöner und länger, leider nicht schwerer. Trotzdem ein schönes Erlebnis, wenn nach drei Monaten das Programm nochmal abgerufen werden kann und 10- sich schwer aber durchaus solide klettern lässt.

Dreimal 10- in einer Woche ist ganz nebenbei auch gut fürs Ego und tierisch motivierend.

Mitte November. „Unerbittliche Kraft des Abends +“, Mitterseewand (10-)

Eine weitere Rechnung konnte ich erst einen Monat später begleichen. Während die anderen Routen dieses Jahr zwar technisch sehr schwer und komplex waren, kam hier ein deutlich höherer athletischer Anspruch dazu. Steiler, ausdauernder und pressiger bei gleicher Fehleranfälligkeit, ein ums andere Mal fand ich mich im Seil hängend wieder. Wie die Bewertung 9+ in den Führer kam, konnte mir auch niemand sagen, aber eins ist klar: die unerbittliche Kraft ist keinen Grad leichter als die anderen Benchmarks im unteren zehnten Grad, sondern mindestens genauso schwer. Vielleicht sind auch Griffe gebrochen oder ähnliches? In jedem Fall eine super Kletterei und als das Thermometer endlich unter 10 Grad rutscht und nicht nur in den Unterarmen Topverhältnisse herrschen, kann ich dieses Trauma beseitigen. Auch hier wird die Verlängerung der Route bis ganz oben nicht schwerer, nur schöner und logischer.

Ende November. „Sub Zero“, Mitterseewand (10-)

Im Herbst hatte ich an der Mitterseewand einige Neutouren eingebohrt, die meisten davon leicht und recht nett, gerade richtig zum Aufwärmen für Schwereres. Bis auf eine Linie: Irgendwie war mir beim Einbohren nicht aufgefallen, dass sich in dem ansonsten netten Neuner knapp drei Meter griffloses Gestein versteckten. Aus dem eben schnell Herzocken werden drei intensive Putz- und Bouldersessions, die Schlüsselsequenz wird nach dem Ausbouldern der Einzelzüge an der Schwenkwand nachgebaut und trainiert und ich warte auf  kalte und knochentrockene Bedingungen, um die reibungsarmen und scharfen Griffe halten zu können. Bei Minusgraden und leichtem Schneefall geht der Plan auf: Ein scheußlicher Neuner mit verstecktem 7B/+ Boulder ergibt am Ende eine 10- Erstbegehung (viel Spass allen Kletterern unter 1,90m!). In die Freude nach dem Durchstieg mischt sich eine aufkeimende Frustration, denn insgeheim hatte ich gehofft, mit dieser Tour in den glatten Zehner zu kommen, musste aber feststellen, wieder „nur“ daran gekratzt zu haben. Die Suche muss weitergehen.

Mittersee

Anfang  Januar. „Chikara“, Mitterseewand (Vorschlag: 10/ 8a+/8b)

Die Suche dauert nicht allzulange. Eine (fast) ergebnislose Aktion im Schneeregen an der Trimm-Dich-Wand (ein 50 Meter Neuner ist eben nicht ganz ergebnislos …) und vier gesetzte Bolts später habe ich bekommen, um was ich gebeten habe. Während meinen Versuchen in der „Unerbittlichen Kraft“ hatte sich mir eine Erweiterung der Tour aufgedrängt. Ein Start an der tiefstmöglichen Stelle rechts unterhalb ergibt einige Meter mehr Zustiegsgepumpe, der wesentliche Teil änderte sich aber oben. Wo vorher mit großer Erleichterung der Umlenker eingehängt wurde, gehts jetzt nochmal richtig zur Sache. Eine leicht abfallende Querung mit absolut abgefahrenen Zugabfolgen und einem dynamischen Abschlusszug erschließt eine fast grifflose Wandpartie und führt zu den letzten Sloper-Zügen zum Umlenker nahe der Nachbarroute („?“).

Was auf dem Papier recht logisch nachvollziehbar („halt nochmal schnell die „unerbittliche Kraft“ klettern mit bisschen was davor und dann noch schnell einen 7B+ Boulderquergang und paar Züge 9- klettern“) aussieht, entpuppte sich zu einem absoluten Horror: Zuerst wollte sich partout keine Lösung für die Querung ergeben, erst recht keine, die ich mir nach einer ausgewachsenen 8a/+ vorstellen konnte, dann kamen zwei Griffausbrüche, deutlich zu kalte Temperaturen (Monsterabflüge beim Klippen mit eiskalten Fingern) und später (an Weihnachten!) eine überschwemmte Route durch Schmelzwasser dazu. Ich versuchte trotz allem nicht vollkommen durchzudrehen und ließ das neue Jahr kommen. Während ich als Kursleiter einen Wochenkurs bestritt und bewusst nicht kletterte, trocknete tatsächlich die Wand und die Motivation stieg parallel zum Thermometer wieder auf Rekordwerte.

Bei der ersten Gelegenheit stand ich wieder am Wandfuß, wärmte mich auf und verabschiedete mich von Katharina mit den Worten „ich boulder‘ nochmal kurz rein, bisschen Züge einüben“. Viereinhalb Minuten später hatte ich den Topgriff in der Hand, im Durchstiegmodus die letzte Sicherung weit überklettert und das komplette Faulenbacher Tal dezent wissen lassen, dass ich das letzte Mal hier klettern war!

„Chikara“ ist gefühlt ein gutes Stück schwerer als alles, was ich bisher mit Seil geklettert bin, gerade im Vergleich zu den anderen Touren der Region in ähnlichem Stil. Der Durchstieg war trotz Top-Verhältnissen, gutem Programm, guter Form und Megamotivation an vier Stellen haarscharf. Für mich ganz persönlich ist diese Begehung ein echtes Highlight und das Ergebnis eines langen und spannenden Prozesses!

„Chikara“ kommt aus dem Japanischen, und bezeichnet in einem Wort Eigenschaften wie Kraft, Mut, Kampfgeist und Wille!

2014 hat für mich als Kletterer also recht positiv angefangen! Ich wünsche Euch ein gutes Neues und ein super Kletterjahr mit tollen Erlebnissen und Begegnungen.

Bleibt neugierig, trainiert hart und klettert clever!

Choucas

 

 

 

 

 

 

 

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